22,5 Milliarden Euro Lücke und kein Fachkräfteplan: Was die Pflege vom neuen Gesundheitsminister Linnemann fordert
22,5 Mrd. Euro fehlen der Pflegeversicherung. Neuer Gesundheitsminister Linnemann übernimmt — aber der Fachkräftemangel kommt im Reformentwurf kaum vor.
Carsten Linnemann (CDU) ist seit dem 24. Juli 2026 neuer Bundesgesundheitsminister — und er macht aus seiner Lage keinen Hehl: Er habe einen „Höllenrespekt" vor der neuen Aufgabe, räumte er ein, und müsse in die Themen noch tiefer einsteigen. Die Pflegebranche wartet nicht auf die Einarbeitungszeit. Die Botschaft, die sie an den Nachfolger von Nina Warken richtet, ist eindeutig: Die Reform der Sozialen Pflegeversicherung muss dringend — aber sie muss an den richtigen Stellen ansetzen.
Das Finanzierungsloch: 22,5 Milliarden Euro in zwei Jahren
Der erste und drängendste Auftrag auf Linnemanns Schreibtisch ist die Reform der Sozialen Pflegeversicherung (SPV). Den Kassen fehlen in den nächsten zwei Jahren 22,5 Milliarden Euro. Der Referentenentwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG), den seine Vorgängerin Nina Warken noch auf den Weg gebracht hatte, setzt vor allem auf Einsparungen und höhere Einnahmen: Beitragserhöhungen, höhere Sätze für Kinderlose, Einschränkungen bei Leistungen.
Dass das nicht ausreicht, ist in der Branche Konsens. Die eigentliche Frage, die sich die Verbände stellen, lautet nicht: Wie schließt man das Finanzierungsloch? Sondern: Warum fehlen im gleichen Entwurf konkrete Ansätze, um die Menschen zu gewinnen, die die Pflege dauerhaft erbringen sollen?
Was der Reformentwurf nicht benennt
Das Statistische Bundesamt prognostiziert je nach Szenario zwischen 90.000 und 350.000 fehlende Pflegekräfte bis 2034. Die Bandbreite zeigt, wie stark politische Entscheidungen das Ergebnis beeinflussen können — aber auch, dass selbst das günstigste Szenario eine erhebliche Lücke lässt.
Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), formuliert das Problem direkt: „Wir haben uns im Ausland den Namen versaut." Und weiter: „Es ist ja nicht so, dass sie sagen: ach Gott, Germany, Germany, Germany. Das war mal."
Deutschland war lange eines der bevorzugten Zielländer für internationale Pflegefachkräfte. Das hat sich verändert. Der bpa benennt konkrete Ursachen:
- Lange Wartezeiten: Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse dauert bis zu 18 Monate. Wer bereit ist, in einem anderen Land zu arbeiten, wartet keine eineinhalb Jahre auf eine Genehmigung — oder zieht ein Land vor, das schneller antwortet.
- Rassismuserfahrungen: Internationale Pflegekräfte berichten von Diskriminierung im Arbeitsalltag. Das spricht sich herum.
- Vergütungsniveau: Im internationalen Vergleich ist Deutschland in der Pflegevergütung nicht überall konkurrenzfähig.
- Eingeschränkte Berufskompetenzen: Ausländische Fachkräfte dürfen in manchen Einrichtungen nicht alle Tätigkeiten ausüben, für die sie ausgebildet wurden.
Was die Branche fordert — und was fehlt
Der bpa fordert eine „Kompetenzvermutung" für international ausgebildete Pflegefachpersonen. Das würde bedeuten: Wer den Abschluss nachweislich mitbringt, darf zunächst arbeiten, während das formale Anerkennungsverfahren läuft — statt umgekehrt. Im aktuellen PNOG-Entwurf ist diese Möglichkeit nicht vorgesehen.
Das ist kein Randdetail. Für Einrichtungen, die heute Stellen nicht besetzen können, wäre eine Beschleunigung des Anerkennungsverfahrens direkter und wirksamer als jede Beitragsanpassung. Die Versorgung läuft über Menschen — und wenn diese nicht kommen, weil die bürokratischen Hürden zu hoch sind, hilft auch eine sanierte Pflegekasse kurzfristig wenig.
Linnemann gilt als Vertreter mittelstandsnaher Positionen, was der bpa vorsichtig positiv bewertet: Als jemand, der die Belange privater Pflegeunternehmen versteht, könnte er stärker auf deren Einwände eingehen als seine Vorgängerin. Ob er die inhaltlichen Lücken im Reformentwurf tatsächlich schließt, bleibt abzuwarten.
Zwischen Reformzeitplan und Versorgungsrealität
Selbst wenn die Reform zügig verabschiedet wird — erste Wirkungen wären frühestens 2028 zu erwarten — klaffen Reformzeitplan und Versorgungsrealität auseinander. Einrichtungen, die heute mit Personalausfällen kämpfen, können nicht bis 2028 warten.
Diese Lücke füllen viele Einrichtungen mit flexiblen Personalmodellen. Zeitarbeit und Personalvermittlung im Gesundheitswesen sind keine Notlösung, sondern ein strukturelles Werkzeug — vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen: faire Vergütung für die Pflegekräfte, verlässliche Planung für die Einrichtungen.
Was das für Einrichtungen und Pflegekräfte bedeutet
Für Einrichtungen bleibt die Botschaft klar: Wer auf verlässliche Personalkapazitäten angewiesen ist, wartet nicht auf den nächsten Gesetzesbeschluss, sondern baut Partnerschaften auf, die auch unter schwankenden politischen Rahmenbedingungen funktionieren.
Für Pflegekräfte ist die Nachfrage trotz aller Reformdebatten unverändert hoch. Wer seinen Beruf mit klaren Rahmenbedingungen ausüben möchte — verlässliche Vergütung, transparente Einsatzplanung, direkte Ansprechpartner — hat heute gute Chancen, das zu finden.
doctevio begleitet Pflegefachkräfte mit unbefristeten Verträgen und übertariflicher Vergütung und unterstützt Einrichtungen mit planbaren Personalkapazitäten. Die Politik arbeitet an den strukturellen Weichen. Bis die greifen, sorgen wir dafür, dass die Versorgung läuft.
Quellen:
- Politico-Newsletter „Gesundheit" / klamm.de: „Pflegebranche mahnt Linnemann zu Schließung von Fachkräftelücke" (Juli 2026)
- Ärzteblatt: „Personalie Linnemann: Hohe Erwartungen an den neuen im Gesundheitsministerium" (24. Juli 2026)
- Statistisches Bundesamt: Pflegekräfteprojektionen bis 2034