Gewalt gegen Klinikpersonal: Was die niedersächsische Respekt-Kampagne für Pflegekräfte und Kliniken bedeutet
Niedersachsen startet „Wer hilft, verdient Respekt“. Warum Gewalt gegen Beschäftigte eine Personalfrage ist und was Kliniken konkret tun können.
Beschimpfungen, Bedrohungen, körperliche Angriffe: Für viele Beschäftigte in Kliniken und Praxen gehört Gewalt inzwischen zum Arbeitsalltag. Niedersachsen reagiert darauf mit einer landesweiten Kampagne unter dem Titel „Wer hilft, verdient Respekt“. Sie richtet sich an die Öffentlichkeit, berührt aber zwei Fragen, die für Pflegefachkräfte und Einrichtungen gleichermaßen wichtig sind: Wie sicher ist der eigene Arbeitsplatz, und was tut der Arbeitgeber dafür?
Die Kampagne im Überblick
Am 16. September 2026 haben das Niedersächsische Gesundheitsministerium, die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN), der Marburger Bund Niedersachsen, die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) und die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) die Kampagne gemeinsam gestartet. Ihr Ziel: auf die wiederholte und zunehmende Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen aufmerksam machen und für einen respektvollen Umgang sensibilisieren.
Geplant sind unter anderem:
- Plakate und Informationspostkarten für Arztpraxen und Krankenhäuser in Niedersachsen, die Einrichtungen kostenlos herunterladen können,
- Plakatierung im öffentlichen Raum im ganzen Land,
- Kinowerbung und Social-Media-Formate,
- Protagonistinnen und Protagonisten aus der ambulanten und stationären Versorgung, darunter Malte Feurer, Chefarzt der Zentralen Notaufnahmen der KRH-Kliniken Robert Koch Gehrden und Neustadt am Rübenberge.
Was die Zahlen zeigen
Die Kampagne stützt sich auf Befragungen der beteiligten Verbände. Laut der letzten Mitgliederbefragung MB-Monitor des Marburger Bundes erlebten fast 90 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte verbale Gewalt, mehr als die Hälfte körperliche Gewalt.
Im niedergelassenen Bereich sieht es ähnlich aus. Nach einer Online-Umfrage, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung 2024 veröffentlicht hat, wurde fast jeder zweite Arzt, Psychotherapeut und jede zweite Medizinische Fachangestellte in den vergangenen fünf Jahren mindestens einmal von einem Patienten körperlich angegriffen oder bedroht. 80 Prozent erfuhren verbale Gewalt.
Pflegefachkräfte nennt ÄKN-Präsidentin Dr. Marion Charlotte Renneberg ausdrücklich: Für viele Ärztinnen und Ärzte, Medizinische Fachangestellte, Pflegefachkräfte und alle anderen Beschäftigten gehörten Grenzüberschreitungen „bedauerlicherweise fast schon zum Berufsalltag“. Beleidigungen, körperliche Übergriffe und extreme Gewalttaten hätten in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen.
Warum Gewalt eine Personalfrage ist
Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (SPD) stellt einen direkten Zusammenhang zur Fachkräftesituation her: Gewalterfahrungen könnten sich negativ auf die Berufszufriedenheit und die Attraktivität der Gesundheitsberufe auswirken. Übergriffe gefährdeten Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten und belasteten das Arbeitsklima stark.
Das ist mehr als ein Appell. Wer im Dienst regelmäßig beschimpft oder bedroht wird, trägt diese Erfahrungen mit nach Hause. Für Einrichtungen, die ohnehin um Personal ringen, wird ein sicheres Arbeitsumfeld damit zu einem Faktor der Mitarbeiterbindung. „Gewalt gehört nicht ins Krankenhaus. Und sie darf nicht zum Berufsrisiko für diejenigen werden, die täglich für andere da sind“, sagt NKG-Verbandsdirektor Helge Engelke. Die Krankenhäuser täten bereits viel, könnten die Aufgabe aber nicht allein bewältigen.
Die politische Seite: mehr als Plakate
Die Kampagne setzt auf gesellschaftliche Sensibilisierung, steht aber nicht allein. Das Niedersächsische Gesundheitsministerium hatte bereits im vergangenen Jahr eine Bundesratsinitiative eingereicht, die die Bundesregierung auffordert, zeitnah einen Gesetzentwurf zum besseren Schutz von Beschäftigten im Gesundheitswesen vorzulegen. Neben möglichen strafrechtlichen Anpassungen fordert Niedersachsen darin:
- Maßnahmen zur Gewaltprävention,
- die Finanzierung von Sicherheitsmaßnahmen und Deeskalationskonzepten,
- eine bessere Personalausstattung im Gesundheitswesen.
Gerade der letzte Punkt ist bemerkenswert: Ausreichend Personal gilt hier nicht nur als Frage der Versorgung, sondern auch des Gewaltschutzes.
Was Einrichtungen konkret tun können
Die Ärztekammer bietet selbst praktische Unterstützung an: eine ganztägige Fortbildung „Deeskalation am Telefon und Tresen“, in der Teilnehmende lernen, konfliktträchtige Situationen zu meistern, und die kostenlose Broschüre „Übergriffe gegen Praxisteams“, die sich laut ÄKN auch auf den stationären Bereich übertragen lässt.
Aus den Forderungen der Kampagnenpartner lassen sich einige Ansatzpunkte für Kliniken ableiten:
- Deeskalationstraining für alle Berufsgruppen, besonders in Notaufnahme und Aufnahme,
- Sicherheitskonzepte, die bauliche und organisatorische Maßnahmen verbinden,
- klare Meldewege, damit Vorfälle erfasst und nachbereitet werden,
- ausreichende Besetzung, damit niemand in angespannten Situationen allein bleibt,
- sichtbare Haltung der Leitung, etwa durch Aushänge wie die der Kampagne.
Was das für Pflegekräfte bedeutet
Pflegefachkräfte, die eine neue Stelle oder einen neuen Einsatzort wählen, dürfen nach dem Umgang mit Gewalt fragen. Hilfreiche Fragen sind etwa: Gibt es ein Deeskalationskonzept und Schulungen? Wie werden Vorfälle gemeldet und nachbesprochen? Wie ist die Besetzung in Nacht- und Wochenenddiensten? Die Antworten sagen viel darüber, wie ernst eine Einrichtung den Schutz ihrer Beschäftigten nimmt.
Wo doctevio ins Bild kommt
Bei doctevio sind Pflegefachkräfte unbefristet angestellt, werden übertariflich vergütet und arbeiten in planbaren Einsätzen. Feste Ansprechpartner kennen die Einrichtungen, in denen sie eingesetzt werden, und sind auch dann erreichbar, wenn es im Einsatz zu belastenden Situationen kommt. Das ersetzt keinen Gewaltschutz vor Ort, der bleibt Aufgabe der Einrichtungen und der Politik. Es sorgt aber dafür, dass Pflegekräfte mit solchen Erfahrungen nicht allein sind.
Quellen:
- Deutsches Ärzteblatt: „Kampagne gegen Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen gestartet“ (16.09.2026)
- Ärztekammer Niedersachsen: Pressemitteilung „Wer hilft, verdient Respekt“ (16.09.2026)
- Ärztekammer Niedersachsen: Kampagnenseite „Wer hilft, verdient Respekt!“ (aekn.de)