KI für alle Beschäftigten: Was die Charité-Plattform „Clé“ vom Klinikalltag abnehmen soll
Die Charité öffnet ihre eigene KI-Plattform für alle Mitarbeitenden. Was das Werkzeug im Klinikalltag übernimmt, wo es bewusst aufhört – und welche Kompetenz erwartet wird.
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin öffnet ihre eigene KI-Plattform „Clé“ nach einer Testphase schrittweise für alle Mitarbeitenden. Das Besondere ist weniger die Technik als die Reichweite: Die Plattform ist nicht als Pilot in einzelnen Abteilungen gedacht, sondern für Krankenversorgung, Forschung, Lehre und Verwaltung zugleich. Für Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte ist die interessante Frage nicht, was KI theoretisch kann, sondern was sie im Dienst tatsächlich abnimmt – und was ausdrücklich bei den Menschen bleibt.
Was Clé kann – und wo sie bewusst aufhört
Clé kombiniert mehrere austauschbare Sprach- und Bildmodelle mit einer Chat-Oberfläche, der Verarbeitung von Texten, Bildern und PDF-Dokumenten sowie eigenen Wissenssammlungen. Über Programmierschnittstellen können Fachbereiche und Forschende die Modelle in eigene Anwendungen und Arbeitsabläufe einbinden. In der Krankenversorgung ist die Plattform laut Charité für klinisch-administrative Tätigkeiten vorgesehen: Dokumente strukturieren, Informationen aufbereiten, Routineaufwand verringern.
Ebenso klar ist die Grenze. „Clé ist in der derzeit freigegebenen Form nicht für Diagnosen oder Therapieentscheidungen vorgesehen“, betont Prof. Alexander Meyer, Leiter des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM) der Charité und Initiator des Projekts. Die Plattform ist kein Medizinprodukt, die fachliche Verantwortung bleibt bei den behandelnden Fachkräften, und die Ergebnisse der KI müssen von den Anwendenden stets kritisch geprüft werden.
Von 30 Minuten auf 2: die Zahl aus dem Pilotprojekt
Die greifbarste Zahl stammt aus der Verwaltung. In einem Pilotprojekt zur Umwandlung von Dokumenten in strukturierte Daten sank die durchschnittliche Bearbeitungszeit von 30 Minuten auf zwei Minuten. Bei 1.800 Dokumenten entspricht das nach Angaben der Charité einer Einsparung von 105 Arbeitstagen.
Diese Zahl verdient eine ehrliche Einordnung: Sie beschreibt eine klar abgegrenzte, stark strukturierbare Aufgabe – nicht die Pflegedokumentation am Bett und nicht den Arztbrief mit klinischer Bewertung. Genau darin liegt aber die praktische Lehre. KI wirkt dort am schnellsten, wo heute Daten von einem Format ins nächste übertragen werden, ohne dass dabei fachlich entschieden wird. Weitere genannte Einsatzfelder sind Wissensdatenbanken, automatisierte Übersetzungen, die Auswertung von Formularen sowie Aufgaben im Erlös- und Personalmanagement und im IT-Support.
Warum die Plattform im Haus bleibt
Clé läuft auf Servern der Charité. Mitarbeitende können mit internen Dokumenten und dienstlichen Informationen arbeiten, ohne diese an externe Anbieter zu übermitteln. Dazu kommen eine zentrale Anmeldung, technische Schutzmechanismen und eine Protokollierung der Nutzung, die einheitliche Sicherheitsstandards sicherstellen sollen. Es gelten die Datenschutz- und Sicherheitsvorgaben des Hauses.
Nach Kenntnisstand der Charité ist sie damit die erste Universitätsmedizin in Deutschland, die eine eigene KI-Plattform mit mehreren Sprach- und Bildmodellen komplett auf eigener Infrastruktur betreibt – flächendeckend statt abteilungsweise. Entwickelt wurde die Plattform von der Ascléa GmbH, einer Ausgründung von Charité und Deutschem Herzzentrum der Charité; betrieben wird sie gemeinsam mit dem IKIM und dem Geschäftsbereich IT.
Für Beschäftigte ist der Betriebsort keine Nebensache. Er entscheidet darüber, ob ein Verlegungsbericht oder eine Verlaufsdokumentation überhaupt in ein KI-Werkzeug eingegeben werden darf – ein Punkt, an dem viele gut gemeinte Einzelinitiativen mit öffentlichen Chatbots scheitern.
Essen zeigt, wie die nächste Stufe aussieht
Die Charité ist nicht allein unterwegs. Die Universitätsmedizin Essen betreibt bereits seit 2022 die Plattform KITE (KI-Translation Essen), eine Kooperation des dortigen Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin mit der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Nach eigenen Angaben sind dort mehr als 80 Anwendungen im Dauerbetrieb. Die Datengrundlage umfasst laut Prof. Jens Kleesiek mehr als zwei Millionen eingeschlossene Patienten und über zwei Milliarden FHIR-Datenpunkte.
In Essen läuft auch bereits agentische KI produktiv, etwa der „EMR Guard“: Er prüft neu erstellte Aktennotizen und Verlaufsdokumentationen auf Allergiehinweise und gleicht sie mit strukturiert hinterlegten Allergiedaten ab. Das ist ein gutes Beispiel für die Richtung, in die sich solche Systeme bewegen – sie arbeiten im Hintergrund der Dokumentation mit, statt eine weitere Oberfläche zu sein, die zusätzlich bedient werden muss. Auch die Charité plant weitere Ausbaustufen mit KI-Agenten, die Dokumente auswerten, Daten zusammenführen und Entwürfe vorbereiten; eine schrittweise Anbindung an Charité-Systeme ist vorgesehen.
Welche KI-Kompetenz künftig erwartet wird
Die Charité koppelt den Rollout an verpflichtende Schulungen, Beratungsangebote und verbindliche Regeln für den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Das ist keine hausinterne Marotte: Artikel 4 der europäischen KI-Verordnung (Verordnung (EU) 2024/1689) verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, für ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz ihres Personals zu sorgen. Die Vorschrift gilt seit dem 2. Februar 2025 unmittelbar und ist nicht auf Hochrisiko-Systeme beschränkt.
Worauf es im Stationsalltag hinausläuft, lässt sich aus den Vorgaben der Charité recht gut ableiten:
- Einordnen können, wofür ein Werkzeug freigegeben ist. Clé ist kein Medizinprodukt – administrative Unterstützung ja, Diagnose und Therapieentscheidung nein.
- Ergebnisse gegenprüfen statt übernehmen. Die kritische Prüfung der Ausgaben ist ausdrücklich Teil der Anwendung.
- Wissen, welche Daten wohin dürfen. Interne Dokumente gehören in das hausinterne System, nicht in einen frei zugänglichen Dienst.
- Verantwortung richtig verorten. Sie bleibt bei der Fachkraft, auch wenn ein Entwurf maschinell entstanden ist.
Was das für Pflegekräfte und Ärzte heißt
Kurzfristig verschwindet keine Dokumentationspflicht, weil ein Haus eine KI-Plattform einführt. Mittelfristig wird der Umgang mit solchen Systemen aber zu einer Alltagskompetenz wie die Bedienung des Krankenhausinformationssystems – und zu einem Unterscheidungsmerkmal zwischen Arbeitgebern. Wer sich für eine Stelle interessiert, kann konkret fragen: Gibt es ein freigegebenes KI-Werkzeug? Läuft es im Haus? Wer schult, und wie sind die Regeln für den Einsatz formuliert? Antworten auf diese Fragen sagen mehr über die Digitalisierungsreife einer Einrichtung aus als jede Imagebroschüre.
Wo doctevio ins Bild kommt
Wer über Arbeitnehmerüberlassung arbeitet, sieht in kurzer Zeit sehr unterschiedliche Häuser – vom vollständig digitalen Stationsstützpunkt bis zum Ordner am Tresen. Dieser Vergleich ist ein echter fachlicher Vorteil: Man erkennt schnell, welche Werkzeuge wirklich entlasten und welche nur Aufwand verschieben.
doctevio steht dabei als Arbeitgeber dahinter: unbefristete Anstellung, übertarifliche Vergütung, feste Ansprechpartner und planbare Einsätze. Die eingesetzten Systeme gibt das jeweilige Haus vor – die Einarbeitung in dessen Abläufe gehört zum Einsatz dazu, ebenso wie die Erwartung, dass Einrichtungen ihre Fachkräfte bei neuen digitalen Werkzeugen sauber schulen. Das ist mittlerweile auch rechtlich nichts, worüber sich diskutieren lässt.