Vier Stunden pendeln am Tag: Was die Bahnsperrung Berlin–Hannover für das Personal einer Klinik in der Altmark bedeutet
Ab 2. Oktober 2026 ist die Strecke Lehrte–Berlin gesperrt. Am Johanniter-Krankenhaus Stendal pendeln 88 Prozent der Ärztinnen und Ärzte – die Fahrzeit vervierfacht sich.
Personalrisiken entstehen selten dort, wo man sie sucht. Am Johanniter-Krankenhaus Stendal ist es derzeit kein Dienstplan und keine Reform, sondern ein Bauprojekt der Deutschen Bahn: Ab dem 2. Oktober 2026 wird der Korridor Lehrte–Berlin saniert. Für die Altmark bedeutet das monatelang keine direkten Züge nach Berlin und keine ICE-Halte mehr in Stendal. Rund 88 Prozent des ärztlichen Personals des Hauses pendeln täglich, berichtet das Deutsche Ärzteblatt in einem Interview vom 25. September 2026. Damit wird aus einem Verkehrsthema ein Thema der Personalbindung.
Was ab dem 2. Oktober gilt
Die DB InfraGO startet am 2. Oktober 2026 mit der Korridorsanierung der Strecke Lehrte–Berlin – laut WELT (24. August 2026) die achte Korridorsanierung im deutschen Streckennetz. Der Ablauf in zwei Phasen:
- Oktober bis Dezember 2026: Totalsperrung. Die Züge der RE-Linie 4 zwischen Stendal und Berlin entfallen. Ersatzbusse fahren von Stendal nach Nauen, wo Reisende in den Zugverkehr umsteigen. Die ICE-Halte in Stendal entfallen; als Ersatz verkehren zweistündlich Expressbusse ohne Zwischenhalte nach Wolfsburg und Genthin.
- Dezember 2026 bis Oktober 2027: eingleisiger Betrieb. Abschnittsweise ist eine eingleisige Befahrung über die Lehrter Stammbahn zwischen Rathenow und Stendal möglich; der RE4 wird umgeleitet und übernimmt die Fahrten der bisherigen RB34.
Als Kernverbindungen für Pendlerinnen und Pendler Richtung Berlin nennt die DB zwei Expressbuslinien: die X1 (Stendal–Genthin) mit Anschluss an den RE1 und die X4 (Stendal–Rathenow–Nauen) mit Anschluss an RE8 und RE2. Sachsen-Anhalts Verkehrsministerin Lydia Hüskens (FDP) bezeichnete den langen Sperrzeitraum laut MDR als massive Verschärfung der ohnehin schwierigen Situation der Altmark.
88 Prozent pendeln – und die Fahrzeit vervierfacht sich
Udo Zacharzowsky, Chefarzt der Kardiologie am Johanniter-Krankenhaus Stendal, schildert im Ärzteblatt-Interview die Größenordnung: Für Chefarzt, Oberärzte, Fachärzte sowie Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung – zusammen 88 Prozent seiner Kolleginnen und Kollegen – verlängert sich die Fahrzeit von bisher einer halben Stunde ab Berlin-Spandau auf rund zwei Stunden je Strecke. „Vier Stunden pendeln am Tag – das ist eigentlich das Desaster für alle Beteiligten und damit unsere Klinik“, sagt er. Im gesamten Krankenhaus sind nach seinen Angaben mehr als 40 Mitarbeitende direkt betroffen.
Besonders schwer wiegt die Planungsänderung. Das Haus wusste seit Jahresmitte von einer Sperrung zwischen Anfang Oktober und Dezember und hatte die Urlaubsplanung entsprechend in diese Wochen verlegt. Damit, so Zacharzowsky, hätte man leben können. Dass die Bahn kurzfristig ankündigte, die Strecke bleibe auch 2027 gesperrt, macht daraus einen Zeitraum von rund 14 Monaten – und entwertet die bereits getroffenen Gegenmaßnahmen.
Betroffen ist nicht nur die Kardiologie: Gastroenterologen, die eine Gastroskopiebereitschaft sicherstellen müssen, kommen zum Teil aus Berlin, ebenso Gefäßchirurgen; der leitende Oberarzt der Pädiatrie pendelt aus Wolfsburg. Der angekündigte Expressbus aus Richtung Wolfsburg benötigt laut Zacharzowsky ebenfalls zwei Stunden.
Warum daran mehr hängt als ein Arbeitsweg
Die Kardiologie in Stendal ist nach seiner Darstellung der einzige Schwerpunktversorger in der Altmark: Chest Pain Unit, Mitralklappenzentrum und Rhythmuszentrum der Region, 80 kardiologische Betten und rund 4.000 stationäre Patientinnen und Patienten pro Jahr. Grundversorger wie Gardelegen und Seehausen verlassen sich darauf, dass das Haus rund um die Uhr erreichbar ist.
Fällt dieser Schwerpunktversorger aus, verlängern sich vor allem die Wege in der Infarktversorgung. Zacharzowsky verweist darauf, dass Sachsen-Anhalt im Herzregister bei der Infarktsterblichkeit bis vor einigen Jahren Schlusslicht war und sich der Wert seitdem verbessert hat. Die Abteilung ist zudem Ausbildungsstätte für interventionelle Kardiologie und für spezielle Rhythmologie – Qualifikationen, die sich nicht kurzfristig nachbesetzen lassen.
Die Sorge ist entsprechend konkret: Angebote anderer Krankenhäuser gibt es laufend. Das bisherige Argument des Hauses gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern aus Berlin – eine halbe Stunde nach Stendal ist kürzer als eine Querfahrt durch Berlin – trägt für die Dauer der Sperrung nicht mehr.
Was das Haus bereits versucht
Die Gegenmaßnahmen am Johanniter-Krankenhaus zeigen, welche Hebel einem Arbeitgeber in dieser Lage überhaupt bleiben:
- Urlaubssteuerung: Der Großteil des Jahresurlaubs wurde in die Monate der Totalsperrung gelegt.
- Übernachtung vor Ort: Der Arbeitgeber hat Zimmer eingerichtet, in denen Beschäftigte übernachten können, wenn sie den letzten Zug verpassen.
- Fahrgemeinschaften: Schon während früherer Bahnstreiks organisierte das Team gemeinsame Fahrten mit einem alten VW-Bus – zeitlich, so Zacharzowsky, sei damit allerdings wenig gewonnen.
- Politische Flankierung: Gemeinsam mit Landrat und Bürgermeister wurde die Bahn erneut angesprochen; gewünscht werden etwa eine durchgehende S-Bahn ohne Zwischenhalte zwischen Stendal und Wittenberge zu den Kernzeiten oder ein Regionalexpress zumindest bis Rathenow.
Der Chefarzt selbst schätzt die Aussichten nüchtern ein: Sein Gefühl sage ihm, dass die Bahn ihren Plan fertig habe.
Erreichbarkeit ist ein Personalfaktor – und wird selten geplant
Für Kliniken in der Fläche steckt darin eine allgemeine Lehre. Wo ein relevanter Teil der Belegschaft aus Ballungsräumen einpendelt, ist die Verkehrsanbindung Teil des Arbeitgeberangebots – und zwar ein Teil, über den das Haus selbst nicht entscheidet. Infrastrukturprojekte mit Vorlaufzeiten von Monaten oder Jahren gehören damit in dieselbe Risikobetrachtung wie Altersabgänge oder Elternzeiten.
Praktisch heißt das: Pendelzeiten der Belegschaft kennen, Baukorridore und Sperrpläne der Region frühzeitig auswerten, und Dienstmodelle so umbauen, dass die Zahl der Anfahrten sinkt statt der Fahrzeit pro Anfahrt – etwa durch Blockdienste über mehrere Tage, längere Schichten bei gleicher Wochenarbeitszeit, verlässliche Übernachtungsmöglichkeiten und Urlaubssteuerung über die kritischen Monate. Keine dieser Maßnahmen ersetzt eine Bahnstrecke. Zusammen entscheiden sie aber darüber, ob Beschäftigte 14 Monate durchhalten oder das Angebot der Konkurrenz annehmen.
Wo doctevio ins Bild kommt
Für Häuser in der Fläche verschärft eine solche Sperrung zwei Probleme gleichzeitig: Stammpersonal droht abzuwandern, und Nachbesetzungen werden schwieriger, weil sich der Einzugsradius faktisch verkleinert. Personaldienstleistung kann das nicht auflösen, aber Lücken überbrücken, bis der Betrieb wieder normal erreichbar ist.
doctevio arbeitet dabei als Arbeitgeber, nicht als Vermittler: unbefristete Anstellung, übertarifliche Vergütung, feste Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner. Für Pflegefachkräfte und Ärztinnen und Ärzte ist der Einsatzort damit eine Frage, über die im Voraus gesprochen wird – einschließlich Anfahrt, Einsatzdauer und Unterkunft. Wer bereit ist, für einen befristeten Zeitraum in einer Region wie der Altmark zu arbeiten, findet dort derzeit Häuser, die jede verlässliche Besetzung gut gebrauchen können.