Vier Intensivstationen für 29 Kinderkliniken: Was das telePIN-Netzwerk der MHH für die Intensivpflege bedeutet
Nur vier von 29 niedersächsischen Kinderkliniken haben eine eigene Intensivstation. Mit telePIN schaltet die MHH jetzt 24 Häuser zusammen – Rückendeckung statt Ersatz.
Schwer kranke Kinder können seit dem 23. September 2026 in 24 Kinderkliniken in Niedersachsen und Bremen aus der Ferne mitbehandelt werden. Das telemedizinische Pädiatrische Intensivnetzwerk telePIN der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat nach der Testphase den Regelbetrieb aufgenommen, wie der NDR am 23. September 2026 berichtete. Der Anlass für das Projekt ist allerdings kein technischer, sondern ein personeller. Und genau das macht telePIN für Intensivpflegekräfte und für Kliniken interessant.
Vier Intensivstationen für 29 Kinderkliniken
Die Ausgangslage, die das Netzwerk begründet, ist ungewöhnlich klar benannt. In den 29 niedersächsischen Kinderkliniken gibt es laut Dr. Michael Sasse, Oberarzt der MHH-Klinik für Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin, nur in vier Häusern eine spezielle Station für pädiatrische Intensivmedizin. Und selbst dort lässt sich nur die Hälfte aller Kinderintensivbetten betreiben, "weil es landesweit an Pflegefachpersonal und Ärzten fehlt", zitiert ihn kma-online.
Das heißt: Die Betten stehen, die Kompetenz ist vorhanden – es fehlen die Menschen, die beides zusammenbringen. Telemedizin ändert an dieser Rechnung nichts. Sie verteilt aber die vorhandene Fachkompetenz anders über die Fläche.
Was im "Cockpit" in Hannover passiert
Zentrum des Netzwerks ist ein eigens eingerichteter Raum in der MHH, den die Beteiligten "Cockpit" nennen: sieben große Bildschirme und ein mobiler Kameraroboter mit drei integrierten Kameras für die Live-Kommunikation mit den angeschlossenen Kinderkliniken, beschreibt kma-online den Aufbau.
Der praktische Ablauf laut MHH-Darstellung: In einer teilnehmenden Kinderklinik wird zum Beispiel ein Neugeborenes untersucht. Über die Live-Schaltung sind die MHH-Fachleute in Echtzeit dabei, sehen Ultraschallaufnahmen, verfolgen die Herzbewegungen, beobachten die Vitalwerte auf dem Monitor und bekommen zugleich einen Überblick über die Gesamtsituation am Patientenbett. "Die Technik ermöglicht uns, aus der Ferne bei Untersuchungen und Eingriffen sowohl bei der Durchführung als auch bei der Interpretation zu unterstützen", sagt Sasse.
Gegenüber dem NDR beschreibt er das Ergebnis so: Man betreue die Kinder "fast so, als würden sie direkt neben uns liegen". Und mit einer wichtigen Einschränkung: "Wir können die Patienten nicht anfassen und nicht riechen. Aber ansonsten können wir alles machen und sie bestmöglich behandeln."
Technisch besteht telePIN nach Angaben der MHH aus vier Bausteinen: dem Telekonsil, einem telemedizinischen Patientendatenmanagementsystem (telePDMS), der Audio-Video-Verbindung in den Behandlungsraum und der Vernetzung der Häuser untereinander ("Interhospital"). Das System sei datenschutzkonform und eigne sich besonders für die Akut- und Notfallversorgung, heißt es aus Hannover.
Vom Pilotprojekt zum Regelbetrieb
Anfang 2025 ging telePIN in die Pilotphase, zunächst mit sieben integrierten Kinderkliniken. Inzwischen ist die Finanzierung für 15 weitere Kliniken in Niedersachsen und drei Kliniken in Bremen gesichert, berichtet kma-online – zusammen die 24 Häuser, die der NDR für den Regelbetrieb nennt.
Bei der Förderung nennen die Quellen zwei Perspektiven auf dieselbe Größenordnung: Laut kma-online wird das Projekt nach den Plänen der Landesregierung aus Mitteln des Strukturfonds II in Höhe von rund sechs Millionen Euro gefördert; der NDR berichtet, Land und Bund stellten für die telemedizinische und digitale Ausstattung jeweils rund drei Millionen Euro bereit.
Niedersachsens Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (SPD) nannte das Netzwerk gegenüber dem NDR einen "Meilenstein in einem Flächenland wie Niedersachsen". Mit Blick auf die anstehende Krankenhausreform werde das Projekt "die Effektivität der zukünftigen Kliniklandschaft wesentlich erhöhen", sagte er bei einem Besuch der MHH-Kinderklinik.
Der Ausbau ist nicht abgeschlossen: Ziel sei es, langfristig alle Kinderkliniken in Niedersachsen und Bremen, angrenzende Regionen benachbarter Bundesländer sowie die Rettungsdienste anzuschließen. Derzeit werde ein gemeinsames Patienten-Daten-Management-System integriert, ein Info-Tool über die Bettenbelegungen sei bereits nutzbar. Für MHH-Vizepräsident Prof. Frank Lammert ist das System zudem auf weitere intensivmedizinische Bereiche wie Chirurgie, Kardiologie und Pulmologie übertragbar.
Das Netzwerk hinter dem Netzwerk
telePIN ist die telemedizinische Erweiterung eines Verbunds, den es längst gibt. Das Pädiatrische Intensivnetzwerk PIN umfasst nach MHH-Angaben mehr als 40 Kinderkliniken aus Niedersachsen, Bremen, Teilen von Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und Hessen sowie vereinzelt aus entfernteren Bundesländern. Koordiniert wird es seit 2003 von Michael Sasse.
Zum PIN gehören eine 24-Stunden-Beratung an sieben Tagen die Woche durch intensivmedizinisch geschultes Fachpersonal, ein Vor-Ort-Service, ein rund um die Uhr verfügbarer Intensivtransportdienst in Kooperation mit der Deutschen Luftrettung sowie ein Fortbildungsangebot: monatliche pädiatrische Intensivworkshops und jährlich mehrere kostenfreie zertifizierte Kinderreanimationskurse für alle Teilnehmer.
Was das für Intensivpflegekräfte bedeutet
Für Pflegefachkräfte auf Intensiv- und Kinderintensivstationen ist vor allem eine Formulierung entscheidend. "Dadurch reduzieren wir die Zahl der Verlegungen in andere Kinderkliniken und können den Personalmangel abfedern", sagt Prof. Philipp Beerbaum, Direktor der MHH-Klinik für Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin. Abfedern – nicht beheben.
Konkret verändert sich damit weniger die Arbeitsmenge als der fachliche Rückhalt:
- Rückendeckung bei seltenen Konstellationen: Auch ein kleines Haus kann bei einem komplexen Fall MHH-Expertise live dazuschalten, statt allein zu entscheiden.
- Weniger Transporte: Verlegungen – für Kind, Eltern und das begleitende Team eine erhebliche Belastung – sollen seltener nötig werden.
- Lernen im Fall: Beerbaum bezeichnet telePIN ausdrücklich als "gutes Werkzeug zur gegenseitigen Kompetenzvermittlung".
- Unverändert am Bett: Überwachung, Gerätehandling, Dokumentation und die Betreuung der Familie bleiben vollständig vor Ort – zusätzlich kommen neue Abläufe rund um die Zuschaltung hinzu.
Wer sich für eine Station interessiert, kann also künftig sinnvoll danach fragen, ob und wie das Haus in solche Netzwerke eingebunden ist. Für die Sicherheit im Dienst macht das einen Unterschied – die Dienstplanung ersetzt es nicht.
Was Kliniken daraus mitnehmen können
Für Häuser ohne eigene pädiatrische Intensivstation zeigt telePIN ein Modell, Spezialkompetenz ohne eigene Vorhaltung verfügbar zu machen – und zwar dauerhaft finanziert statt projektbefristet. Das Bettenbelegungs-Tool und das entstehende gemeinsame Datenmanagement deuten zudem an, wohin standortübergreifendes Kapazitätsmanagement gehen kann.
Der blinde Fleck bleibt aber bestehen: Ob ein Intensivbett betrieben werden kann, entscheidet weiterhin die Besetzung im Dienstplan. Ein Telekonsil ersetzt keine Fachkraft in der Nachtschicht, und die Hälfte der nicht betreibbaren Kinderintensivbetten in Niedersachsen wird durch Kameras nicht wieder nutzbar.
Wo doctevio ins Bild kommt
Genau an dieser Stelle setzt unsere Arbeit an. Netzwerke wie telePIN verteilen Wissen; doctevio verteilt Hände am Bett. Wir vermitteln Pflegefachkräfte und Ärzte in Arbeitnehmerüberlassung an Kliniken und Einrichtungen – planbar und für beide Seiten verlässlich.
Für Intensiv- und Anästhesiepflegekräfte heißt das: unbefristete Anstellung bei doctevio, übertarifliche Vergütung, feste Ansprechpartner und Einsätze, die zur eigenen Lebensplanung passen. Für Kliniken heißt es: kurzfristige Lücken im Ausfallmanagement schließen, ohne die Stammbesetzung zu überlasten. Beides ersetzt keine Strukturreform – es sorgt dafür, dass die vorhandenen Betten heute betrieben werden können.