Schutz vor Machtmissbrauch: Was die angekündigten Handlungsanweisungen von DGAI und BDA für Kliniken bedeuten
DGAI und BDA entwickeln Handlungsanweisungen zu sexualisierter Belästigung und Machtmissbrauch. Im Zentrum stehen niedrigschwellige Meldewege und Führungsverantwortung.
Wer Grenzverletzungen am Arbeitsplatz melden will, muss wissen, wohin – und darauf vertrauen können, dass die Meldung keine beruflichen Nachteile bringt. Genau an diesem Punkt setzen die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten (BDA) an. Nach einer Veranstaltung auf dem DGAI-Jahreskongress in Kassel haben beide im September 2026 angekündigt, Handlungsanweisungen zum Umgang mit sexualisierter Belästigung, Grenzverletzungen und Machtmissbrauch am Arbeitsplatz zu entwickeln.
Was DGAI und BDA angekündigt haben
Die Ankündigung bleibt bewusst nicht bei einer Absichtserklärung stehen, sondern benennt konkrete Ansatzpunkte. Genannt werden klare und möglichst niedrigschwellige Meldewege, ein verlässlicher und fairer Umgang mit gemeldeten Vorfällen sowie Orientierungshilfen für Führungskräfte und Kliniken. Dazu, so die Verbände, brauche es eine Kultur, in der Grenzverletzungen überhaupt wahrgenommen und angesprochen werden.
„Wir dürfen bei diesem Thema nicht wegsehen und nicht schweigen", sagte BDA-Präsidentin Grietje Beck. Es gehe darum, genauer hinzuschauen, Grenzverletzungen ernst zu nehmen und Strukturen zu schaffen, die Betroffene schützen und einen angemessenen Umgang mit Vorfällen ermöglichen.
Warum Hierarchien das Melden erschweren
Beide Verbände benennen einen Grund, warum Vorfälle oft unausgesprochen bleiben: Hierarchien und berufliche Abhängigkeiten können es Betroffenen erschweren, Grenzverletzungen anzusprechen oder zu melden. Führungskräfte hätten deshalb eine besondere Verantwortung, aufmerksam zu sein und frühzeitig zu handeln.
Das ist in Anästhesie und Intensivmedizin keine abstrakte Überlegung. Es sind Bereiche mit enger Zusammenarbeit auf kleinem Raum, mit klaren Weisungsstrukturen und mit Situationen, in denen unter Zeitdruck entschieden wird. Hinzu kommt, dass Weiterbildung, Rotationen und Beurteilungen an einzelnen Personen hängen – eine Konstellation, in der die Sorge vor beruflichen Folgen einer Meldung real ist.
DGAI-Präsident Gernot Marx verweist auf eine weitere Schwierigkeit: „Nicht immer sind Grenzüberschreitungen klar erkennbar. Es gibt eindeutige Fälle, aber auch Situationen, die schwieriger einzuordnen sind." Eine Aufgabe von Fachgesellschaft und Berufsverband könne deshalb darin bestehen, Kliniken Orientierung und mögliche Wege im Umgang mit solchen Situationen aufzuzeigen.
Kein Randphänomen
Wie verbreitet das Thema ist, zeigt eine bundesweite Umfrage des Marburger Bundes unter Ärztinnen und Ärzten, über die der WDR im Juli 2026 berichtet hat: 49 Prozent der Befragten gaben an, im vergangenen Jahr Machtmissbrauch erlebt zu haben, 13 Prozent berichteten von sexueller Belästigung.
Prof. Manfred Borutta von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Aachen ordnet diese Zahlen im WDR-Bericht so ein, dass es sich nicht um Einzelfälle handele: Man habe es mit einer Profession zu tun, die tradierte Vorstellungen von Hierarchie und Befugnissen mit sich trage. „Und an der Stelle muss die Organisation wirkungsmächtig auftreten und Grenzen setzen", so Borutta. Nötig seien klare Regeln, unabhängige Ansprechpersonen und eine offene Fehler- und Meldekultur.
Was Häuser heute schon aufgebaut haben
Eine WDR-Recherche in sieben Krankenhäusern der Städteregion Aachen zeigt, wie unterschiedlich weit Einrichtungen sind – und was praktisch funktioniert:
- Das St.-Antonius Hospital in Eschweiler verpflichtet alle Beschäftigten vom Chefarzt bis zur Servicekraft zu Präventionsschulungen und dokumentiert jeden gemeldeten Vorfall. In fünf Jahren wurden dort sechs Fälle gemeldet, im Marienhospital Aachen und im Bethlehem Gesundheitszentrum Stolberg jeweils zwei. In jedem Fall gab es Konsequenzen – von Gesprächen und Ermahnungen bis zur Kündigung.
- Die Uniklinik Aachen setzt laut Vorstandsvorsitzendem Prof. Joachim Windolf auf Kulturwandel: Thematisierung im Onboarding, Strategieschulung mit allen Führungskräften, Kursangebote, Infomaterial und eine Selbstverpflichtung. Eine Meldestelle und Ansprechpartner gibt es, auf eine zentrale statistische Erfassung verzichtet das Haus jedoch.
- Das St.-Antonius Hospital weist bereits in Stellenanzeigen und in Gesprächen mit neuen Mitarbeitenden darauf hin, dass Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt nicht geduldet werden.
Ein Hinweis aus dem Bericht ist für die Bewertung solcher Konzepte zentral: Die Zahl gemeldeter Fälle ist allein kein Maßstab. Entscheidend ist, ob Beschäftigte überhaupt den Mut haben zu melden. Wenige Meldungen können ebenso für ein gutes Klima wie für ein Klima der Angst sprechen.
Woran sich ein Meldeweg messen lassen muss
Aus den Ansatzpunkten der Verbände und der Praxis in den Aachener Häusern lassen sich einige nüchterne Prüffragen ableiten, die jede Einrichtung für sich beantworten kann:
- Kennen neue Mitarbeitende die Ansprechperson nach der ersten Woche – oder müssen sie im Intranet danach suchen?
- Gibt es einen Weg, der an der direkten Führungskraft vorbeiführt, wenn diese Teil des Problems ist?
- Ist geregelt, was nach einer Meldung passiert, und erfährt die meldende Person davon?
- Sind Führungskräfte geschult für die Fälle, die nicht eindeutig sind?
- Gilt das alles auch für befristet Beschäftigte, Rotierende, Honorarkräfte und überlassene Fachkräfte?
Die letzte Frage wird am häufigsten übersehen. Wer nur wenige Wochen in einem Team arbeitet, kennt weder die informellen Regeln des Hauses noch die Personen, an die man sich wenden kann.
Wo doctevio ins Bild kommt
Für Fachkräfte, die über Arbeitnehmerüberlassung in fremden Teams arbeiten, hat die von DGAI und BDA beschriebene Abhängigkeitskonstellation eine zusätzliche Ebene: Man ist neu, bleibt nicht lange und kennt die Wege im Haus nicht.
Genau hier liegt ein struktureller Vorteil, den wir ernst nehmen: Der Arbeitgeber steht außerhalb der Klinikhierarchie. Wer bei doctevio unbefristet angestellt ist, hat einen festen Ansprechpartner, der nicht Teil des Dienstplans, der Beurteilung oder der Weiterbildung im Einsatzhaus ist. Das ersetzt weder die internen Meldewege einer Klinik noch die arbeitsrechtlichen Verfahren – beides muss im Haus selbst funktionieren. Es bedeutet aber, dass niemand seine Sorge allein mit einer Struktur besprechen muss, in der er sich gerade unsicher fühlt.
Dass DGAI und BDA das Thema aus der Fachgesellschaft heraus angehen, ist der eigentlich gute Teil dieser Nachricht. Wenn die Handlungsanweisungen kommen, wird sich zeigen, wie viele Häuser sie in konkrete Meldewege übersetzen.
Quellen:
- Deutsches Ärzteblatt: „Anästhesieverbände entwickeln Handlungsanweisungen zum Umgang mit sexualisierter Belästigung" (aerzteblatt.de, September 2026)
- WDR: „Übergriffe in Kliniken: So werden Mitarbeiter geschützt" (wdr.de, 13.07.2026)