Hitzeschutz als Personalfrage: Was die Forderung der Landesärztekammer Hessen für den Schichtdienst bedeutet
Hessens Ärzteparlament fordert ein Förderprogramm für Hitzeschutz in Kliniken und Pflegeeinrichtungen – erste Maßnahmen schon vor dem Sommer 2027.
Die Delegiertenversammlung der Landesärztekammer Hessen (LÄKH) hat die Landesregierung Ende September 2026 in Bad Nauheim aufgefordert, ein Förderprogramm für Hitzeschutzmaßnahmen in hessischen Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Praxen einzuführen. Hitzeresilienz soll künftig Teil der gesundheitlichen Daseinsvorsorge sein, erste Maßnahmen sollen bereits vor dem Sommer 2027 greifen. Für Beschäftigte im Schichtdienst ist das mehr als ein Bau- und Finanzierungsthema: Hitzeschutz entscheidet mit darüber, wie belastbar ein Dienstplan im Juli noch ist.
Was das hessische Ärzteparlament konkret fordert
Die LÄKH begründet ihre Forderung mit den Belastungen des vergangenen Sommers und der Aussicht auf weitere Hitzewellen. Überhitzte Aufenthalts- und Behandlungsräume, unzureichender Sonnenschutz und fehlende nächtliche Abkühlung belasteten Patientinnen und Patienten ebenso wie die Beschäftigten im Gesundheitswesen, heißt es in der Mitteilung der Kammer. Gefordert werden:
- Einbeziehung von Hitzeschutz in Planung, Finanzierung und Betrieb von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen
- Mindeststandards für Krankenhäuser, Arztpraxen, Medizinische Versorgungszentren und Pflegeeinrichtungen, die bauliche und technische Maßnahmen sowie organisatorische Hitzeschutzkonzepte umfassen
- ein gemeinsames Investitionsprogramm von Bund und Land
- regelmäßige Aufklärung der Öffentlichkeit über die Gefahren von Hitzeperioden
- eine Kombination kurz- und langfristiger Fördermaßnahmen
Wichtig für die Praxis ist der zweite Punkt: Mindeststandards sollen ausdrücklich nicht nur Technik und Gebäude betreffen, sondern auch organisatorische Konzepte – also genau den Bereich, den Pflegekräfte und Ärztinnen im Alltag spüren. Dass es Geld dafür braucht, begründet die Kammer nüchtern: Eine Finanzierung aus den laufenden Erlösen sei nicht möglich.
Der Sommer 2026 in Zahlen
Die Dringlichkeit lässt sich belegen. Nach vorläufiger Auswertung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 31. August 2026 war der Sommer 2026 mit einem Temperaturmittel von 19,6 Grad der zweitwärmste seit Aufzeichnungsbeginn; nur 2003 lag mit 19,7 Grad darüber. Der Wert lag 3,3 Grad über der Referenzperiode 1961 bis 1990. Im Deutschlandmittel zählte der DWD rund 22 heiße Tage mit mindestens 30 Grad und etwa fünf sehr heiße Tage ab 35 Grad. Zur Hitzewelle Ende Juni hält eine DWD-Attributionsstudie fest, dass ein Ereignis dieses Ausmaßes ohne den Klimawandel statistisch unmöglich gewesen wäre.
Die gesundheitlichen Folgen beziffert das Robert Koch-Institut: Für den Zeitraum vom 6. April bis 16. August 2026 schätzt das RKI rund 15.800 hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland, davon 9.600 während der Extremhitze Ende Juni und weitere 4.000 in den ersten beiden Augustwochen. Das ist die Patientenlage, auf die Notaufnahmen, Stationen und Pflegeeinrichtungen in solchen Wochen treffen.
Warum Hitze zum Dienstplanproblem wird
Hitzewellen erhöhen Arbeitsaufkommen und körperliche Belastung gleichzeitig – und zwar in Berufen, in denen zusätzlich Berufskleidung getragen wird und Pausen ohnehin knapp sind. Genau deshalb sehen die gängigen Musterpläne Personalmaßnahmen ausdrücklich vor. Die Bundesempfehlung „Musterhitzeschutzplan für Krankenhäuser“ des Bundesgesundheitsministeriums ist dafür die Referenz; auf dem Portal hitzeservice.de sind die typischen Bausteine nach Zeithorizont sortiert:
- Langfristig: bauliche Maßnahmen wie Verschattung, Lüftungssysteme, klimaschonende Klimatisierung, kühle Außenbereiche
- Mittelfristig, vor dem Sommer: Schulung des Personals, Sommerspeiseplan, kühle Pausenräume, Information von Beschäftigten und Besuchern, Planung kürzerer Einsatztouren im ambulanten Dienst
- Kurzfristig, im Hitzeereignis: Anpassung des Betreuungsschlüssels, Entlastung der Pflegekräfte von Zusatzaufgaben, Verschattung und aktive Kühlung, konsequentes Trinkregime, angepasste Pausenregelung
Bemerkenswert ist, dass „Anpassung des Betreuungsschlüssels“ und „angepasste Pausenregelung“ hier als Akutmaßnahmen stehen. Übersetzt heißt das: Wer einen ernst gemeinten Hitzeschutzplan hat, braucht im Hitzefall mehr Hände – oder zumindest einen Dienstplan, der kurzfristige Verstärkung überhaupt zulässt.
Was Häuser heute schon umsetzen
Dass das kein Papierkonzept bleiben muss, zeigt ein Beispiel aus der Praxis. Die Gemeinnützige Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe (GFO) hat nach eigenen Angaben bereits 2024 einen verbindlichen Hitzeschutzplan etabliert, der Teil des Hygienehandbuchs für alle Einrichtungen des Verbunds ist und sich an den Empfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums sowie an der Arbeitshilfe für Krankenhäuser des Landes NRW orientiert. Zu den Maßnahmen zählen laut der Mitteilung vom Juli 2026 unter anderem:
- Messung und Dokumentation von Temperatur und Luftfeuchtigkeit in Innenräumen
- regelmäßige Schulungen der Mitarbeitenden
- Kühlwesten und kühlende Halstücher
- Ventilatoren unter Beachtung der Hygienevorgaben
- Anpassung pflegerischer Abläufe wie Mobilisierung oder Physiotherapie an die Witterung
- zusätzliche Erholungs- und Rückzugsorte während Hitzeperioden
Der Verbund benennt auch die Grenze: Feste Siesta-Zeiten ließen sich im Krankenhausbetrieb nicht realisieren, solche Ansätze würden nur dort geprüft, wo es organisatorisch möglich erscheine. Kleinere Maßnahmen – frei verfügbares Mineralwasser, Eis für die Mitarbeitenden – wirken im Alltag trotzdem spürbar.
Ohne Investitionen bleibt es bei Ventilatoren
Die hessische Forderung trifft auf eine bundesweite Debatte. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hatte am 30. Juni 2026, mitten in der Rekordhitze, ein Sonderinvestitionsprogramm „Klimaresiliente Krankenhäuser“ aus dem Sondervermögen von Bund und Ländern gefordert. Ein von der DKG beauftragtes Gutachten des Institute for Health Care Business beziffert den Investitionsbedarf für klimaneutrale und zugleich klimaresiliente Krankenhäuser auf mindestens 31 Milliarden Euro. DKG-Vorstandsvorsitzender Dr. Gerald Gaß formulierte es so: Ventilatoren und verdunkelnde Vorhänge als Standard würden künftig nicht mehr ausreichen. Jede verschobene Investition mache die spätere Nachrüstung teurer.
Für Beschäftigte ist dieser Punkt relevant, weil bauliche und organisatorische Maßnahmen zusammenhängen. Wo Gebäudetechnik fehlt, muss der Dienstplan kompensieren – mit mehr Pausen, mehr Umverteilung, mehr Personal in Spitzenzeiten.
Was Pflegekräfte und Ärzte daraus mitnehmen können
Ein belastbares Hitzeschutzkonzept ist ein gutes Auswahlkriterium für Arbeitgeber. Drei Fragen lassen sich im Bewerbungs- oder Einsatzgespräch leicht stellen: Gibt es einen schriftlichen Hitzeschutzplan und wer ist dafür verantwortlich? Was ändert sich bei einer amtlichen Hitzewarnung konkret an Pausen, Trinkregime und Besetzung? Und gibt es kühle Rückzugsräume für das Personal, nicht nur für Patientenzimmer? Häuser, die darauf konkret antworten, haben im Sommer in der Regel auch den verlässlicheren Dienstplan.
Wo doctevio ins Bild kommt
Hitzeperioden treffen Stationen dort, wo die Besetzung ohnehin auf Kante genäht ist. Für Kliniken und Einrichtungen heißt belastbarer Hitzeschutz deshalb auch, kurzfristige Ausfälle und zusätzlichen Bedarf in Spitzenwochen abfedern zu können – planbar und ohne Qualitätsverlust. Genau dafür ist Arbeitnehmerüberlassung gedacht: als geplante Reserve, nicht als Notnagel.
Für Pflegefachkräfte und Ärztinnen und Ärzte bedeutet eine Anstellung bei doctevio einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit übertariflicher Vergütung, feste Ansprechpartner und abgestimmte, planbare Einsätze. Wer Wert darauf legt, in Häusern zu arbeiten, die Arbeitsschutz ernst nehmen, kann das im Vorfeld besprechen – statt es im nächsten Juli herauszufinden.