Notaufnahmen unter Druck: Was die DGINA-Blitzumfrage über Personal und Ausfallmanagement sagt
63,1 Prozent der Notaufnahmen melden unbesetzte Stellen, 65,7 Prozent akute Krankheitsausfälle: Die dritte DGINA-Blitzumfrage liefert harte Zahlen zur Personallage.
Eine Notaufnahme lässt sich nicht schließen, wenn zwei Kolleginnen kurzfristig ausfallen. Genau deshalb sind die Ergebnisse der dritten DGINA-Blitzumfrage bemerkenswert, über die das Deutsche Ärzteblatt im September 2026 berichtet hat. Sie zeigen mit Zahlen, dass Überfüllung in deutschen Notaufnahmen kein reines Prozessproblem der Zentralen Notaufnahme ist. Sie hängt an der Personaldecke – und an dem, was hinter der Notaufnahme auf den Stationen passiert.
Eine Momentaufnahme aus allen 16 Bundesländern
Die Fachgesellschaft für Notfall- und Akutmedizin DGINA hat für ihre dritte Blitzumfrage einen einzelnen Stichtag gewählt: den 2. Juni 2026. Gefragt wurde nach der Lage in den vorangegangenen 24 Stunden. Auswerten ließen sich 271 Rückmeldungen aus Notaufnahmen aller drei Notfallversorgungsstufen und aus allen 16 Bundesländern.
Eine Stichtagserhebung hat eine Stärke, die Jahresstatistiken nicht haben: Sie bildet nicht den geglätteten Durchschnitt ab, sondern einen gewöhnlichen Tag im Juni – ohne Grippewelle, ohne Feiertagslage, ohne Großschadensereignis. Was an einem solchen Tag als Normalzustand gemeldet wird, ist aussagekräftig.
45 Prozent Overcrowding an einem gewöhnlichen Tag
In knapp der Hälfte der Notaufnahmen (45 Prozent) lag in den 24 Stunden vor dem Stichtag eine Überfüllung vor. 13,7 Prozent bezeichneten die Situation als schwerwiegend oder sogar gefährlich.
Dazu kommt ein Befund, der die regionale Steuerung betrifft: Fast ein Drittel der Häuser (32,1 Prozent) meldete der Integrierten Leitstelle eine Kapazitätserschöpfung. In 79,1 Prozent der Kliniken mit einer solchen Meldung wurden dennoch weiter Notfallpatientinnen und -patienten belegt. Die Abmeldung von der Versorgung ist damit in der Praxis nur begrenzt wirksam – wer voll ist, bekommt trotzdem weiter Zuweisungen. Für die Dienstplanung heißt das: Das Instrument, mit dem sich eine überlastete Schicht theoretisch entlasten ließe, trägt real oft nicht.
Exit-Block: Das Nadelöhr liegt meist nicht in der Notaufnahme
60,6 Prozent der befragten Notaufnahmen meldeten einen sogenannten Exit-Block. Er entsteht, wenn Patientinnen und Patienten nach abgeschlossener Behandlung in der Notaufnahme stationär aufgenommen werden sollen, aber nicht auf eine Station verlegt werden können, weil keine Bettenkapazität verfügbar ist.
Dieser Befund verschiebt die Diagnose: Wenn in sechs von zehn Häusern der Weiterweg blockiert ist, liegt die Ursache der Überfüllung häufig nicht im Triage- oder Behandlungsprozess der Notaufnahme, sondern in der Kapazität dahinter. Und Bettenkapazität ist im Jahr 2026 in der Regel keine Frage der Raumzahl, sondern der Frage, ob eine Station personell besetzt werden kann. Ein gesperrtes Bett auf der Normalstation erzeugt Stunden später Stau in der Notaufnahme.
Unbesetzte Stellen und akute Krankheitsausfälle treffen zusammen
Die Personalzahlen der Umfrage sind der eigentliche Kern:
- 63,1 Prozent der Notaufnahmen berichteten von unbesetzten Stellen im ärztlichen Dienst und/oder in der Pflege.
- 65,7 Prozent gaben an, Personal durch akute Krankheitsausfälle verloren zu haben.
- Nur 31,8 Prozent hielten die pflegerische und ärztliche Personalausstattung für ausreichend.
Die beiden ersten Werte sind getrennt erhoben, beschreiben aber denselben Arbeitsalltag: eine strukturelle Lücke im Stellenplan und eine kurzfristige Lücke im Dienstplan, die sich überlagern. Wer mit einem ohnehin nicht vollständig besetzten Team in den Dienst geht, hat keine Reserve mehr, wenn zusätzlich jemand krank wird. Die DGINA zieht daraus den Schluss, dass Überlastung nicht nur als internes Prozessproblem der Zentralen Notaufnahmen verstanden werden kann, sondern „eng mit personellen Ressourcen, stationären Anschlusskapazitäten und regionaler Steuerung verknüpft" ist. Die Zahlen unterstrichen die Notwendigkeit stabiler Personalstrukturen.
Was das für Dienstplanung und Ausfallmanagement bedeutet
Aus den Zahlen lassen sich ein paar nüchterne Konsequenzen ableiten – ohne Alarmismus, weil Alarmismus keine Schicht besetzt:
- Ausfallmanagement ist kein Sonderfall, sondern Regelbetrieb. Wenn zwei Drittel der Häuser an einem beliebigen Stichtag akute Krankheitsausfälle melden, ist die Frage nicht, ob sie eintreten, sondern wie schnell die Lücke geschlossen wird.
- Springerpools funktionieren nur mit Substanz. Ein interner Pool, der aus denselben ohnehin belasteten Mitarbeitenden gespeist wird, verschiebt die Belastung, statt sie zu verringern.
- Notaufnahme und Station gehören zusammen gedacht. Wer den Exit-Block reduzieren will, muss auf der aufnehmenden Station besetzen können – die Entlastung der Notaufnahme entsteht dort.
- Kurzfristige Verfügbarkeit hat einen eigenen Wert. In einem Bereich, der rund um die Uhr besetzt sein muss, ist eine Fachkraft, die innerhalb weniger Tage einsatzfähig ist, planerisch etwas anderes als eine Stellenausschreibung mit Monaten Vorlauf.
Wo doctevio ins Bild kommt
Die DGINA-Zahlen beschreiben genau die Schnittstelle, an der wir arbeiten: unbesetzte Stellen auf der einen Seite, kurzfristige Ausfälle auf der anderen. doctevio überlässt Pflegefachkräfte und Ärztinnen und Ärzte an Kliniken und Einrichtungen – unbefristet angestellt, übertariflich vergütet, mit festen Ansprechpartnern auf beiden Seiten.
Für Einrichtungen bedeutet das planbare Kapazität für die Lücken, die sich aus dem Stellenplan allein nicht schließen lassen. Für Fachkräfte in der Notfall- und Akutmedizin bedeutet es einen Arbeitgeber, der die Rahmenbedingungen verlässlich hält, auch wenn der Einsatzort wechselt. Beides ersetzt keine strukturelle Lösung für Exit-Block und Bettenkapazität – diese Fragen entscheiden Häuser, Länder und der Gesetzgeber. Es macht aber den Unterschied zwischen einer Schicht, die besetzt ist, und einer, die es nicht ist.
Quellen:
- Deutsches Ärzteblatt: „Hohe Belastung in den Notaufnahmen" (aerzteblatt.de, September 2026)
- DGINA: 3. Blitzumfrage – Ergebnisse Deutschland, Stichtag 2. Juni 2026 (dgina.de)